6.Folge Vom Wissen zur Verbundenheit ---Das Menschenbild hinter der Reihe
Shownotes
Leitfrage: Welches Menschenbild brauchen wir, damit persönliche Freiheit und gesellschaftliche Verbundenheit keine Gegensätze werden?
Kernsatz: „Ich darf Ich sein – und erkenne gleichzeitig, dass mein Leben mit dem Leben anderer verbunden ist.“
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Wie aus persönlicher Entwicklung gesellschaftliche Verantwortung wird
Einleitung – Was für ein Mensch soll eigentlich entstehen?
In der letzten Folge haben wir über Freiheit gesprochen.
Über meine Freiheit.
Über deine Freiheit.
Und über die Frage, wo meine Freiheit endet, wenn mein Handeln andere Menschen berührt.
Dabei sind wir bei der Verantwortung angekommen.
Denn Freiheit ohne Verantwortung kann leicht zur Rücksichtslosigkeit werden. Verantwortung ohne Freiheit dagegen kann zu bloßem Gehorsam führen.
Am Ende der letzten Folge stand deshalb ein Gedanke, der uns heute weiterführen soll:
Wie wird aus persönlicher Entwicklung gesellschaftliche Verantwortung?
Um darauf eine Antwort zu finden, müssen wir noch etwas tiefer gehen.
Wir müssen uns fragen:
Welches Bild vom Menschen liegt eigentlich unserem Denken zugrunde?
Was glauben wir über den Menschen?
Ist er in erster Linie ein Einzelwesen, das seine eigenen Interessen verfolgt?
Ist er Konkurrent anderer Menschen?
Ist er jemand, der erzogen, kontrolliert und gelenkt werden muss?
Oder ist der Mensch von Anfang an ein Wesen, das sich erst in Beziehung zu anderen Menschen vollständig entwickeln kann?
Diese Frage ist keineswegs theoretisch.
Denn unser Menschenbild entscheidet darüber, wie wir Kinder erziehen, wie wir Schule gestalten, wie wir miteinander arbeiten – und letztlich auch darüber, welche Gesellschaft wir schaffen.
Der Mensch wird nicht als fertiges Ich geboren
Kein Kind kommt auf die Welt und sagt:
Ich weiß, wer ich bin.
Ich weiß, was ich kann.
Ich kenne meine Stärken und meine Grenzen.
Ich habe meine Werte gefunden.
Ein Kind entwickelt all das erst.
Und es entwickelt es nicht allein.
Es braucht Menschen.
Es hört Stimmen.
Es sieht Gesichter.
Es erlebt Berührung.
Es beobachtet.
Es ahmt nach.
Es bekommt Antworten.
Es erfährt Zustimmung und Ablehnung.
Es erlebt Nähe und Distanz.
Und langsam entsteht etwas, das wir später ganz selbstverständlich „Ich“ nennen.
Das ist ein bemerkenswerter Gedanke:
Das Ich entwickelt sich am Du.
Ohne Beziehung kann sich Persönlichkeit kaum entfalten.
Wir hatten diesen Gedanken bereits an verschiedenen Stellen unserer Podcasts.
Beim Lernen.
Bei der Erziehung.
Beim Lehren und Belehren.
Bei der Frage nach geistigen Eigenschaften.
Und jetzt bekommt er eine gesellschaftliche Bedeutung.
Denn wenn der Mensch sich durch Beziehung entwickelt, dann ist Beziehung keine angenehme Zugabe zum Menschsein.
Beziehung gehört zum Menschsein selbst.
Das selbstständige Ich bleibt wichtig
Nun könnten wir einen Fehler machen.
Wir könnten sagen:
Wenn das Wir so wichtig ist, müssen wir das Ich überwinden.
Aber so einfach ist es nicht.
Das wäre sogar gefährlich.
Denn eine Gemeinschaft braucht Menschen, die selbstständig denken können.
Menschen, die Fragen stellen.
Menschen, die widersprechen können.
Menschen, die ihrem Gewissen folgen.
Menschen, die nicht deshalb etwas für richtig halten, weil alle anderen es ebenfalls tun.
Wir haben in der Reihe „Vom Wissen zur Weisheit“ immer wieder davon gesprochen.
Ein wissender Mensch sollte sagen können:
„Vielleicht irre ich mich.“
Aber er muss auch sagen können:
„Davon bin ich überzeugt.“
Das Ich ist deshalb nicht unser Feind.
Problematisch wird es dort, wo das Ich beginnt, sich selbst zum Mittelpunkt der Welt zu machen.
Dann verändern sich unsere Fragen.
Aus:
„Was ist richtig?“
wird:
„Was bringt es mir?“
Aus:
„Was brauchen wir?“
wird:
„Was bekomme ich?“
Und aus:
„Wie können wir dieses Problem gemeinsam lösen?“
wird:
„Wie kann ich mich durchsetzen?“
Genau hier beginnt die eigentliche Herausforderung unserer neuen Reihe.
Vom Ich zum Wir
Wir leben in einer Zeit, in der Individualität einen hohen Stellenwert besitzt.
Und das hat gute Gründe.
Jeder Mensch besitzt eigene Fähigkeiten, Erfahrungen, Bedürfnisse, Überzeugungen und Möglichkeiten.
Diese Individualität verdient Achtung.
Aber Individualität ist nicht dasselbe wie Individualismus.
Das sollten wir unterscheiden.
Individualität sagt:
Ich bin einzigartig.
Individualismus kann daraus machen:
Ich bin mir selbst genug.
Doch sind wir das wirklich?
Schon unser ganz gewöhnlicher Alltag zeigt etwas anderes.
Das Brot auf unserem Tisch haben andere Menschen hergestellt.
Das Wasser aus der Leitung erreicht uns durch die Arbeit anderer.
Andere bauen unsere Häuser.
Andere behandeln uns, wenn wir krank werden.
Andere unterrichten unsere Kinder.
Andere entwickeln Technik.
Andere pflegen Menschen.
Andere entsorgen unseren Müll.
Andere erzeugen Lebensmittel.
Wir leben jeden Tag von den Fähigkeiten unzähliger Menschen, von denen wir die meisten niemals kennenlernen werden.
Und gleichzeitig leben andere Menschen von unseren Fähigkeiten und unserem Beitrag.
Das bedeutet:
Selbstständigkeit und Abhängigkeit sind keine Gegensätze.
Wir können selbstständig sein und trotzdem aufeinander angewiesen bleiben.
Vielleicht ist gerade das eine Grundlage von Verbundenheit.
Ein Bild: der menschliche Körper
Stellen wir uns einen menschlichen Körper vor.
Das Auge kann sehen.
Die Hand kann greifen.
Das Herz pumpt Blut.
Die Lunge ermöglicht den Gasaustausch.
Keines dieser Organe ist gleich.
Und gerade deshalb funktioniert der Körper.
Was würde geschehen, wenn die Hand sagte:
„Warum soll ich mich um den Rest kümmern? Hauptsache, mir geht es gut.“
Oder wenn das Auge erklärte:
„Ich bin wichtiger als das Herz.“
Es wäre absurd.
Denn das Wohlergehen des einzelnen Organs hängt mit dem Wohlergehen des gesamten Organismus zusammen.
Natürlich ist eine Gesellschaft kein menschlicher Körper. Menschen besitzen einen eigenen Willen, ein eigenes Gewissen und eigene Rechte.
Trotzdem hilft uns dieses Bild, etwas zu verstehen:
Einheit bedeutet nicht Gleichheit.
Einheit verlangt nicht, dass alle dasselbe denken, dasselbe können oder dasselbe wollen.
Im Gegenteil.
Eine lebendige Gemeinschaft braucht Verschiedenheit.
Vielleicht können wir es so formulieren:
Einheit bedeutet, Verschiedenheit so miteinander zu verbinden, dass daraus etwas Gemeinsames entstehen kann.
Was geschieht, wenn wir nur in Konkurrenz denken?
Hier berühren wir einen Punkt, den wir bereits beim Thema Schule angesprochen haben.
Kinder lernen früh zu vergleichen.
Wer ist schneller?
Wer hat die bessere Note?
Wer ist Erster?
Wer gewinnt?
Wer bekommt den Studienplatz?
Wer bekommt später die bessere Stelle?
Konkurrenz kann durchaus anspornen.
Sie kann Leistungen fördern und dazu führen, dass Menschen sich anstrengen.
Deshalb wäre es zu einfach, Konkurrenz grundsätzlich als schlecht zu bezeichnen.
Aber was geschieht, wenn Konkurrenz zum vorherrschenden Prinzip unseres Zusammenlebens wird?
Dann kann der andere Mensch langsam vom Mitmenschen zum Konkurrenten werden.
Sein Erfolg kann sich plötzlich wie mein Misserfolg anfühlen.
Dann fragen wir nicht mehr:
„Was können wir gemeinsam erreichen?“
sondern:
„Wie kann ich besser sein als du?“
Genau deshalb müssen wir bei Bildung weiterdenken.
Wenn wir Kinder jahrelang überwiegend danach beurteilen, wie ihre individuelle Leistung im Vergleich zu anderen aussieht, können wir nicht selbstverständlich erwarten, dass sie später eine Gesellschaft gestalten, in der Zusammenarbeit und gemeinsame Verantwortung selbstverständlich sind.
Was wir gesellschaftlich brauchen, muss irgendwo gelernt und erlebt werden.
Vom Wissen zur Verbundenheit
Damit kommen wir zurück zum Titel dieser Reihe.
Vom Wissen zur Verbundenheit.
Warum haben wir nicht einfach gesagt:
„Vom Wissen zur Gemeinschaft“?
Weil Verbundenheit tiefer geht.
Man kann Mitglied einer Gemeinschaft sein und sich trotzdem nicht verbunden fühlen.
Man kann in derselben Straße wohnen und einander kaum kennen.
Man kann in derselben Firma arbeiten und nur an den eigenen Vorteil denken.
Man kann sogar in einer Familie leben und innerlich weit voneinander entfernt sein.
Verbundenheit entsteht dort, wo ich erkenne:
Der andere Mensch geht mich etwas an.
Seine Würde geht mich etwas an.
Seine Freiheit geht mich etwas an.
Sein Wohlergehen geht mich etwas an.
Nicht, weil ich sein Leben bestimmen soll.
Sondern weil mein eigenes Leben niemals völlig von seinem getrennt ist.
Aus Erkenntnis wird Verantwortung
Damit können wir auch an die vorherige Reihe „Vom Wissen zur Weisheit“ anknüpfen.
Dort sind wir einen langen Weg gegangen:
vom Wissen zum Verstehen,
vom Verstehen zur Erkenntnis,
von der Erkenntnis zur Handlung,
von der Handlung zum Charakter
und schließlich mit Viktor Frankl zur Frage nach Sinn und Verantwortung.
Nun erweitern wir diese Perspektive.
Denn Verantwortung bleibt nicht beim eigenen Leben stehen.
Wenn mein Handeln andere Menschen beeinflusst, bekommt Verantwortung eine gesellschaftliche Dimension.
Ein Unternehmer trägt nicht nur Verantwortung für seinen persönlichen Erfolg.
Seine Entscheidungen können Mitarbeiter, Familien und eine Region beeinflussen.
Ein Lehrer vermittelt nicht nur Unterrichtsstoff.
Die Art, wie er jungen Menschen begegnet, kann ihr Selbstbild und ihre Haltung gegenüber anderen prägen.
Ein Wissenschaftler gewinnt nicht nur Erkenntnisse.
Er muss sich irgendwann auch fragen, welche Folgen die Anwendung dieser Erkenntnisse haben kann.
Und wir alle gestalten durch unser tägliches Verhalten ein Stück Gesellschaft.
Oft unspektakulär.
Aber ständig.
Gesellschaft ist nicht nur „die da oben“
Wenn wir von gesellschaftlicher Verantwortung sprechen, denken wir schnell an Politik.
An Regierungen.
An Parlamente.
An Institutionen.
Natürlich tragen Menschen in solchen Positionen besondere Verantwortung.
Aber Gesellschaft besteht nicht nur aus Institutionen.
Gesellschaft sind auch wir.
Sie entsteht jeden Tag neu.
Dort, wo Menschen miteinander sprechen.
Wo Kinder erzogen werden.
Wo jemand Verantwortung übernimmt.
Wo ein Mensch einem anderen zuhört.
Wo jemand widerspricht, wenn ein anderer erniedrigt wird.
Wo Menschen zusammenarbeiten.
Wo jemand bereit ist, einen Fehler einzugestehen.
Wo wir entscheiden, ob wir nur unseren Vorteil sehen oder auch die Folgen unseres Handelns.
Vielleicht unterschätzen wir diese alltägliche Ebene.
Wir fragen:
„Was müsste die Gesellschaft verändern?“
Eine ebenso wichtige Frage lautet aber:
„Was von dem, was wir Gesellschaft nennen, entsteht täglich durch uns selbst?“
Persönliche Entwicklung ist deshalb niemals nur privat
Das führt zu einem Gedanken, der für diese gesamte Podcast-Reihe wichtig werden könnte:
Persönliche Entwicklung ist niemals ausschließlich eine Privatangelegenheit.
Wenn ein Mensch lernt, geduldiger zu sein, verändert sich auch die Art, wie er anderen begegnet.
Wenn er lernt zuzuhören, verändern sich Beziehungen.
Wenn er Gerechtigkeit entwickelt, beeinflusst das seine Entscheidungen.
Wenn er Verantwortung übernimmt, profitieren möglicherweise andere davon.
Und wenn er lernt, Menschen trotz unterschiedlicher Auffassungen mit Würde zu behandeln, entsteht etwas, das unsere Gesellschaft dringend braucht:
die Fähigkeit zur Verbundenheit trotz Verschiedenheit.
Hier treffen sich persönliche und gesellschaftliche Entwicklung.
Nicht entweder Ich oder Wir.
Sondern:
Ein entwickeltes Ich, das fähig zum Wir wird.
Eine andere Vorstellung von Stärke
Vielleicht müssen wir deshalb auch darüber nachdenken, was wir unter einem starken Menschen verstehen.
Ist ein starker Mensch jemand, der sich immer durchsetzt?
Der niemals nachgibt?
Der andere nicht braucht?
Oder kann Stärke auch bedeuten:
zuzuhören, ohne sich selbst aufzugeben?
die eigene Meinung zu vertreten und trotzdem offen zu bleiben?
einen Fehler einzugestehen?
Hilfe anzunehmen?
einem anderen Erfolg zu gönnen?
Verantwortung für etwas zu übernehmen, von dem man selbst keinen unmittelbaren Vorteil hat?
Dann wäre Verbundenheit keine Schwäche.
Im Gegenteil.
Sie verlangt manchmal mehr innere Stärke als Abgrenzung.
Das Menschenbild hinter dieser Reihe
Damit können wir nun beantworten, welches Menschenbild hinter „Vom Wissen zur Verbundenheit“ steht.
Es ist das Bild eines Menschen, der einzigartig und zugleich verbunden ist.
Eines Menschen, der selbstständig denken soll, aber andere Menschen braucht.
Der Freiheit besitzt, aber Verantwortung trägt.
Der Wissen erwerben kann, aber sein Wissen in den Dienst des Lebens stellen muss.
Der sich entwickeln kann – und dessen Entwicklung Auswirkungen auf andere hat.
Der verschieden von anderen sein darf, ohne deshalb von ihnen getrennt sein zu müssen.
Und vielleicht liegt genau darin ein Schlüssel für den Einheitsgedanken:
Einheit beginnt nicht damit, dass Unterschiede verschwinden.
Sie beginnt dort, wo Unterschiede ihre trennende Macht verlieren.
Vom Ich zum Wir – und wieder zurück
Vielleicht müssen wir also gar nicht entscheiden:
Ich oder Wir?
Wir brauchen beides.
Ohne ein selbstständiges Ich kann das Wir zur Masse werden.
Ohne ein verantwortliches Wir kann das Ich im Egoismus enden.
Die Aufgabe besteht darin, beides miteinander zu verbinden.
Individualität ohne Isolation.
Gemeinschaft ohne Gleichmacherei.
Freiheit ohne Rücksichtslosigkeit.
Verantwortung ohne Bevormundung.
Verschiedenheit ohne Feindschaft.
Vielleicht ist Verbundenheit genau das:
Ich darf Ich sein – und erkenne gleichzeitig, dass mein Leben mit dem Leben anderer verbunden ist.
Schluss
Wir haben diese Reihe mit der Frage begonnen, wie aus Wissen Verbundenheit entstehen kann.
Heute sind wir einen Schritt tiefer gegangen.
Wir haben gefragt:
Welches Menschenbild brauchen wir überhaupt, damit Verbundenheit möglich wird?
Die Antwort ist keine fertige Definition.
Aber vielleicht eine Richtung:
Der Mensch ist weder nur Einzelwesen noch nur Teil einer Gemeinschaft.
Er ist beides.
Er entwickelt seine Individualität in Beziehung.
Er braucht Freiheit, um Verantwortung übernehmen zu können.
Und er braucht Verantwortung, damit seine Freiheit nicht auf Kosten anderer geht.
Damit entsteht aber eine neue Frage.
Wenn wir einander brauchen, wenn wir verschieden sind und wenn niemand die ganze Wirklichkeit allein überblicken kann:
Wie finden wir dann gemeinsam heraus, was wahr und richtig ist?
Was geschieht, wenn zwei Menschen überzeugt sind – und zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen?
Muss einer gewinnen?
Muss einer den anderen belehren?
Oder können unterschiedliche Sichtweisen dazu beitragen, gemeinsam mehr zu erkennen?
Darum geht es in der nächsten Folge von „Vom Wissen zur Verbundenheit“:
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