3.Folge Vom Wissen zur Verbundenheit
Shownotes
Entscheidend ist nicht, Unterschiede abzuschaffen, sondern zu lernen, mit ihnen verbunden zu leben. Damit berührt diese Folge eine der zentralen Fragen unserer Gesellschaft:
Wie können wir Verschiedenheit bewahren, ohne daraus Trennung entstehen zu lassen? Einheit bedeutet weder Gleichmacherei noch Unterordnung. Sie verlangt vielmehr, den anderen in seiner Verschiedenheit anzuerkennen und trotzdem das Gemeinsame zu suchen. Leitfrage Können wir verschieden sein, ohne uns voneinander zu trennen? Kernsatz „Einheit bedeutet nicht, dass Unterschiede verschwinden. Einheit entsteht, wenn Verschiedenheit ihre trennende Macht verliert.“
Transkript anzeigen
Vom Wissen zur Verbundenheit
Folge 3: Die Einheit des Menschen bedeutet nicht Gleichheit
Warum Verschiedenheit keine Bedrohung, sondern eine Voraussetzung für Entwicklung sein kann
Intro
Herzlich willkommen zur dritten Folge unserer Podcast-Reihe:
„Vom Wissen zur Verbundenheit – Wie aus persönlicher Entwicklung gesellschaftliche Verantwortung wird.“
In der ersten Folge haben wir uns mit dem Weg vom Ich zum Wir beschäftigt.
Wir haben darüber gesprochen, dass wir unseren Standpunkt verändern können, um eine andere Sichtweise kennenzulernen.
Nicht, um unsere eigene Sicht aufzugeben, sondern um unseren Blick zu erweitern.
In der zweiten Folge haben wir gefragt, was Verbundenheit eigentlich bedeutet.
Und wir sind einem Gedanken begegnet, den wir später bei Rudolf Dreikurs noch ausführlicher betrachten werden:
Der Mensch ist ein soziales Wesen.
Wir wollen dazugehören und brauchen Beziehungen. Aber wir können auch selbst etwas zur Gemeinschaft beitragen.
Heute gehen wir einen Schritt weiter.
Denn sobald wir vom Wir sprechen, entsteht eine schwierige Frage:
Müssen wir uns ähnlich sein, um miteinander verbunden sein zu können?
Ich glaube: Nein.
Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall.
Ein Missverständnis über Einheit
Wenn wir das Wort Einheit hören, denken manche Menschen zunächst an Gleichheit.
Manchmal stellen wir uns Einheit so vor, als müssten wir uns immer ähnlicher werden: in unserem Denken, in unseren Werten, in unserem Verhalten und schließlich sogar in unseren Vorstellungen davon, wie Menschen leben und wie Gesellschaft funktionieren sollte.
Aber das wäre keine Einheit.
Das wäre Gleichförmigkeit.
Und zwischen beiden besteht ein großer Unterschied.
Einheit bedeutet nicht:
Wir sind alle gleich.
Einheit könnte vielmehr bedeuten:
Wir sind verschieden – und gehören trotzdem zusammen.
Das klingt einfach.
Aber gesellschaftlich ist es eine enorme Herausforderung.
Warum uns Unterschiede manchmal beunruhigen
Menschen, die uns ähnlich sind, verstehen wir häufig leichter.
Wir erkennen vielleicht unsere Sprache und Gewohnheiten wieder, teilen ähnliche Erfahrungen oder entdecken gemeinsame politische, religiöse oder gesellschaftliche Überzeugungen.
Das fühlt sich vertraut an.
Schwieriger wird es mit Menschen, die anders denken.
Dann entsteht schnell die Frage:
Wie kann der andere nur so denken?
Und damit sind wir wieder beim Bild aus unserer ersten Folge.
Wir stehen auf unserer Seite des Gebäudes.
Der andere steht auf einer anderen.
Das Problem ist nicht, dass wir Unterschiedliches sehen.
Das Problem beginnt möglicherweise dort, wo einer von uns sagt:
„Nur das, was ich sehe, ist das Gebäude.“
Verschiedenheit erweitert unseren Blick
Nehmen wir ein einfaches Beispiel.
Fünf Menschen sitzen zusammen und suchen nach einer Lösung für ein Problem.
Sie haben ähnliche Ausbildungen und Erfahrungen und betrachten deshalb vielleicht auch das Problem auf ähnliche Weise.
Das Gespräch wird wahrscheinlich angenehm sein.
Man versteht sich schnell.
Vielleicht sind sich alle bald einig.
Nun setzen wir einen sechsten Menschen dazu.
Er hat eine völlig andere Lebenserfahrung.
Und plötzlich sagt er:
„Habt ihr eigentlich daran gedacht, dass …?“
Stille.
Nein.
Daran hatte niemand gedacht.
Nicht weil die anderen fünf dumm waren.
Sondern weil niemand aus dieser Perspektive auf das Problem geschaut hatte.
Verschiedenheit kann unseren Rundumblick vergrößern.
Genau deshalb ist der andere nicht zwangsläufig ein Hindernis.
Er kann eine Erweiterung meiner eigenen Erkenntnismöglichkeiten sein.
Aber Verschiedenheit allein genügt nicht
Nun müssen wir aufpassen.
Es wäre zu einfach zu sagen:
Je unterschiedlicher Menschen sind, desto besser funktioniert eine Gemeinschaft.
Das stimmt natürlich nicht automatisch.
Unterschiede können auch zu Konflikten führen. Menschen können aneinander vorbeireden, Interessen können aufeinanderprallen und verschiedene Lebenserfahrungen können dazu führen, dass dieselbe Situation völlig unterschiedlich beurteilt wird.
Deshalb braucht Verschiedenheit etwas Entscheidendes:
die Fähigkeit zur Beziehung.
Ohne Beziehung kann Verschiedenheit zur Trennung führen.
Mit Beziehung kann Verschiedenheit zu einer Quelle gemeinsamer Entwicklung werden.
Was sagt die Wissenschaft?
Auch die Sozialpsychologie beschäftigt sich seit Langem mit der Frage, was geschieht, wenn unterschiedliche Menschen und Gruppen aufeinandertreffen.
Ein wichtiger Forschungsbereich untersucht den sogenannten Intergruppenkontakt.
Dabei zeigt sich grundsätzlich:
Kontakt allein reicht nicht immer aus.
Aber unter geeigneten Bedingungen kann der Kontakt zwischen Menschen unterschiedlicher Gruppen Vorurteile verringern.
Besonders hilfreich sind Zusammenarbeit, gemeinsame Ziele und Begegnungen, bei denen Menschen einander möglichst auf Augenhöhe wahrnehmen.
Das ist für unseren Gedanken interessant.
Denn es bedeutet:
Nicht die Verschiedenheit muss verschwinden. Entscheidend ist vielmehr, wie wir mit ihr umgehen.
Wenn wir gegeneinander antreten, kann der Unterschied zur Grenze werden.
Wenn wir gemeinsam an etwas arbeiten, kann derselbe Unterschied zu einer Bereicherung werden.
Ein Orchester braucht keine gleichen Instrumente
In der letzten Folge haben wir kurz das Bild eines Orchesters verwendet.
Ich möchte heute noch einmal darauf zurückkommen.
Stellen Sie sich ein großes Orchester vor.
Dort begegnen sich Geigen und Celli, Flöten und Oboen, Klarinetten, Trompeten, Hörner und Schlaginstrumente.
Was würde geschehen, wenn wir Einheit herstellen wollten, indem wir sagten:
Alle müssen dasselbe Instrument spielen?
Wir hätten Gleichheit geschaffen.
Aber wir hätten einen großen Teil der Möglichkeiten des Orchesters zerstört.
Die Schönheit entsteht gerade daraus, dass die Instrumente nicht gleich sind.
Eine Flöte soll keine Trompete werden, und ein Cello muss sich nicht dafür entschuldigen, dass es anders klingt als eine Geige.
Jedes Instrument besitzt seine Eigenart.
Aber jetzt kommt das Entscheidende:
Wenn jedes Instrument einfach spielt, was es will, entsteht noch keine Musik.
Verschiedenheit allein erzeugt keine Harmonie.
Die Musiker müssen aufeinander hören, ihren eigenen Beitrag kennen und wahrnehmen, wann sie hervortreten und wann sie sich zurücknehmen sollten.
Und sie brauchen etwas Gemeinsames, auf das sie sich beziehen.
Vielleicht ist das ein gutes Bild für Gesellschaft.
Einheit braucht Individualität
Damit können wir einen Gedanken aus der ersten Folge weiterführen.
Wir wollen das Ich nicht zum Feind erklären.
Denn eine Gemeinschaft braucht Menschen mit Persönlichkeit – Menschen, die selbstständig denken, Fragen stellen, widersprechen und manchmal auch ungewöhnliche Ideen einbringen.
Eine Gemeinschaft, in der niemand mehr widerspricht, mag nach außen sehr einheitlich wirken.
Aber ist sie deshalb gesund?
Vielleicht ist gerade der Mensch, der sagt:
„Ich sehe da etwas anders“
für die Gemeinschaft besonders wertvoll.
Vorausgesetzt, auch er ist bereit, den anderen zuzuhören.
Einheit verlangt also nicht die Aufgabe der Individualität.
Sie braucht eine entwickelte Individualität, die beziehungsfähig geworden ist.
Die Natur zeigt uns Verschiedenheit
Schauen wir einmal in einen Wald.
Auf den ersten Blick sehen wir Bäume. Doch wenn wir genauer hinschauen, entdecken wir junge und alte Bäume, Sträucher, Gräser, Moose und Pilze. Und unter der Erde setzen sich die Beziehungen zwischen Wurzeln, Pilzen und unzähligen Mikroorganismen fort.
Der Wald lebt gerade von dieser Vielfalt seiner Beziehungen.
Natürlich dürfen wir Natur und menschliche Gesellschaft nicht einfach gleichsetzen.
Aber das Bild kann uns etwas zeigen:
Einheit muss nicht bedeuten, dass Unterschiede verschwinden.
Ein lebendiges Ganzes kann gerade aus sehr unterschiedlichen Teilen bestehen.
Gleichwertigkeit ist etwas anderes als Gleichheit
Hier müssen wir zwei Begriffe unterscheiden:
Gleichheit und Gleichwertigkeit.
Menschen sind nicht gleich.
Wir unterscheiden uns in unseren Fähigkeiten und Erfahrungen, in Interessen und Temperamenten und natürlich auch in unseren Begabungen.
Der eine kann wunderbar mit Zahlen umgehen, ein anderer besitzt eine besondere sprachliche Begabung. Manche Menschen können andere zusammenführen, andere arbeiten hervorragend mit ihren Händen oder erkennen Zusammenhänge, die ihren Mitmenschen zunächst verborgen bleiben.
Diese Menschen sind nicht gleich.
Aber daraus folgt nicht, dass einer mehr Mensch wäre als der andere.
Genau hier wird Gleichwertigkeit entscheidend.
Unterschiedliche Fähigkeiten begründen unterschiedlichen Beitrag – aber keinen unterschiedlichen menschlichen Wert.
Dieser Gedanke verändert viel.
Was geschieht in unserer Erziehung?
Vielleicht sollten wir deshalb auch unsere Erziehung betrachten.
Was vermitteln wir Kindern?
Geht es darum, die eigenen Fähigkeiten zu entdecken?
Oder lernt das Kind vor allem, sich ständig mit anderen zu vergleichen und herauszufinden, ob es besser oder schlechter ist?
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Wenn ein Kind seinen Wert ständig durch Vergleich bestimmen muss, wird der andere schnell zum Konkurrenten.
Der Mitschüler kann etwas besser?
Dann bedroht das meinen eigenen Wert.
Aber was wäre, wenn ein Kind lernen könnte:
Der andere muss nicht schlechter sein, damit ich wertvoll bin.
Und:
Ich muss nicht besser sein, damit mein Beitrag wichtig ist.
Dann bekommt Verschiedenheit eine völlig andere Bedeutung.
Rudolf Dreikurs und die Gleichwertigkeit
Hier können wir noch einmal kurz eine Verbindung zu Rudolf Dreikurs herstellen.
Dreikurs betonte in seiner pädagogischen Arbeit die Bedeutung von Zugehörigkeit, Ermutigung, Kooperation und gegenseitigem Respekt.
Kinder sollten nicht einfach einer überlegenen Erwachsenenwelt untergeordnet werden.
Das bedeutet natürlich nicht, dass Kinder und Erwachsene dieselben Aufgaben oder dieselbe Verantwortung haben.
Ein Erwachsener trägt Verantwortung, die ein kleines Kind noch gar nicht tragen kann.
Aber beide besitzen menschliche Würde.
Das ist ein wichtiger Unterschied:
Gleichwertigkeit bedeutet nicht Gleichberechtigung in jeder Entscheidung und schon gar nicht Gleichheit der Verantwortung.
Sie bedeutet:
Ich nehme dich als Menschen ernst.
Vielleicht können wir genau diesen Gedanken auch auf Gesellschaft übertragen.
Wir müssen nicht derselben Meinung sein
Das klingt selbstverständlich.
Aber schauen wir uns unsere gesellschaftlichen Diskussionen an.
Wie schnell wird aus:
„Ich halte deine Meinung für falsch“
ein:
„Mit dir stimmt etwas nicht.“
Dann beurteilen wir nicht mehr die Aussage.
Wir beurteilen den Menschen.
Und irgendwann hören wir ihm überhaupt nicht mehr zu.
Verbundenheit verlangt etwas Schwierigeres.
Ich kann sagen:
„Ich widerspreche dir entschieden – und erkenne trotzdem deine Würde als Mensch an.“
Das ist keine Schwäche.
Und es bedeutet auch nicht, jede Meinung oder jedes Verhalten hinzunehmen.
Es gibt Grenzen. Eine Gesellschaft braucht Regeln und muss Menschen vor Gewalt und Willkür schützen.
Verbundenheit bedeutet nicht Beliebigkeit.
Aber wir sollten unterscheiden können zwischen dem Menschen und seiner Meinung oder seinem Verhalten.
Einheit ist nicht Konfliktlosigkeit
Vielleicht müssen wir noch mit einem weiteren Missverständnis aufräumen.
Einheit bedeutet nicht, dass es keinen Streit mehr gibt.
Das wäre unrealistisch.
Wo Menschen unterschiedlich sind, entstehen Konflikte.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
Wie verhindern wir jeden Konflikt?
Sondern:
Wie gehen wir mit Konflikten um, ohne unsere Verbundenheit zu zerstören?
Das ist etwas völlig anderes.
Vielleicht kann ein guter Konflikt sogar Entwicklung ermöglichen.
Ein anderer Mensch widerspricht mir.
Ich ärgere mich.
Aber dann beginne ich nachzudenken.
Hat er vielleicht einen Punkt erkannt, den ich übersehen habe?
Oder ich prüfe seine Argumente und stelle fest:
Nein, ich bleibe bei meiner Überzeugung.
Auch das ist möglich.
Dann hat der Perspektivwechsel meine Meinung nicht verändert.
Aber vielleicht hat er sie bewusster gemacht.
Der andere ist nicht mein Feind
Hier berühren wir einen Gedanken, der mir für diese gesamte Podcast-Reihe sehr wichtig erscheint.
Wenn wir eine andere Sichtweise kennenlernen, muss daraus nicht sofort ein Kampf entstehen.
Der andere kann mir widersprechen, ohne mein Feind zu sein.
Er kann anders leben, ohne dass meine Lebensweise dadurch automatisch bedroht wird. Seine Fähigkeiten machen meine nicht weniger wertvoll, und sein Wissen muss mein Wissen nicht entwerten.
Vielleicht weiß er etwas, was ich nicht weiß.
Vielleicht sehe ich etwas, was ihm verborgen bleibt.
Und genau deshalb können wir einander brauchen.
Vielleicht entsteht Verbundenheit dort, wo wir begreifen:
Wir müssen unsere Unterschiede nicht beseitigen, um gemeinsam handeln zu können.
Aber wie kommen wir dann zu Entscheidungen?
Und nun kommen wir zu einer schwierigen Frage.
Nehmen wir an, wir akzeptieren unsere Verschiedenheit.
Wir hören einander zu, verändern unseren Standpunkt und versuchen, einen Rundumblick zu bekommen.
Aber irgendwann müssen wir handeln.
Ob in einer Familie, einem Kollegium, einer Gemeinde oder einer ganzen Gesellschaft: Irgendwann müssen Entscheidungen getroffen werden.
Dann können wir nicht einfach sagen:
„Jeder hat eben seine eigene Sicht.“
Wir brauchen gemeinsame Entscheidungen.
Wie können wir aber gemeinsam entscheiden, ohne dass am Ende einfach der Stärkste gewinnt?
Wie verhindern wir, dass aus Beratung Belehrung wird?
Wie können unterschiedliche Sichtweisen zusammengeführt werden, ohne dass Menschen ihre Individualität aufgeben?
Das wird uns in dieser Podcast-Reihe noch intensiv beschäftigen.
Denn vielleicht liegt gerade darin eine der großen Aufgaben unserer Zeit:
Nicht Gleichheit herzustellen, sondern aus Verschiedenheit gemeinsame Handlungsfähigkeit entstehen zu lassen.
Ein kleines Gedankenexperiment
Ich möchte Ihnen wieder eine Frage für Ihren Alltag mitgeben.
Denken Sie an einen Menschen, der in einem bestimmten Punkt ganz anders ist als Sie.
Vielleicht denkt oder arbeitet er anders. Vielleicht besitzt er eine Fähigkeit, die Ihnen selbst fehlt. Und vielleicht geht er Ihnen gerade wegen seiner Art manchmal sogar auf die Nerven.
Nun verändern Sie für einen Moment die Frage.
Fragen Sie nicht:
Warum ist dieser Mensch nicht mehr wie ich?
Sondern:
Was kann dieser Mensch sehen oder beitragen, was gerade deshalb möglich ist, weil er nicht so ist wie ich?
Vielleicht lautet die Antwort:
Nichts.
Auch das ist möglich.
Aber vielleicht entdecken Sie etwas.
Und dann geschieht genau das, worüber wir seit der ersten Folge sprechen:
Unser Standpunkt verändert sich.
Unser Blick wird weiter.
Vom Ich über das Du zum Wir
Vielleicht können wir unsere bisherigen drei Folgen jetzt in einer kleinen Entwicklung zusammenfassen.
Zunächst steht das Ich mit seinem eigenen Standpunkt.
Dann begegne ich dem Du, das etwas anderes sehen kann.
Wenn ich bereit bin zuzuhören, muss ich dadurch mein Ich nicht verlieren.
Und vielleicht entsteht daraus irgendwann ein Wir.
Aber ein echtes Wir bedeutet nicht, dass viele einzelne Menschen schließlich alle gleich geworden sind.
Es bedeutet:
Unterschiedliche Menschen bringen ihre Verschiedenheit miteinander in Beziehung.
Vielleicht ist genau das Einheit.
Nicht Gleichförmigkeit.
Nicht Unterordnung.
Nicht die Herrschaft einer Meinung.
Sondern eine Verbundenheit, in der Individualität erhalten bleibt und gleichzeitig Verantwortung füreinander entsteht.
Schlussgedanke
Vielleicht haben wir viel zu lange geglaubt, dass Unterschiede überwunden werden müssten, damit Einheit entstehen kann.
Vielleicht müssen wir etwas anderes lernen:
nicht die Unterschiede zu überwinden, sondern die Trennung.
Das ist nicht dasselbe.
Wir dürfen verschieden bleiben.
Vielleicht müssen wir sogar verschieden bleiben.
Denn der Rundumblick, von dem wir in der ersten Folge gesprochen haben, entsteht gerade dadurch, dass nicht alle Menschen am selben Punkt stehen.
Der andere sieht etwas, was ich nicht sehe, und ich sehe möglicherweise etwas, was ihm verborgen bleibt.
Wenn wir bereit sind, miteinander statt gegeneinander zu schauen, kann aus diesen unterschiedlichen Blickwinkeln etwas Größeres entstehen.
Einheit bedeutet deshalb nicht: Wir werden gleich.
Einheit könnte bedeuten:
Wir lernen, verschieden zu sein, ohne einander zu verlieren.
Ausblick auf Folge 4
Damit kommen wir in der nächsten Folge zu einer Frage, die unsere bisherigen Gedanken unmittelbar in die Gesellschaft hineinführt:
Was bedeutet eigentlich Gemeinwohl?
Wo endet meine persönliche Freiheit?
Beginnt Verantwortung erst dort, wo ein Gesetz mir Grenzen setzt?
Oder viel früher – nämlich dort, wo meine Entscheidung Folgen für andere Menschen hat?
Dann werden wir auch auf einen Gedanken aus Folge 2 zurückkommen:
Unser Handeln hat Folgen – für uns selbst, für andere und manchmal sogar für Menschen, denen wir niemals persönlich begegnen werden.
Vielleicht beginnt das Wir genau dort, wo wir diese Folgen mit in unsere Entscheidungen aufnehmen.
Bis dahin möchte ich Ihnen einen Gedanken mitgeben:
Einheit verlangt nicht, dass wir unsere Unterschiede aufgeben. Vielleicht verlangt sie vielmehr, dass wir lernen, mit unseren Unterschieden gemeinsam Verantwortung zu tragen.
Neuer Kommentar