2. Folge Vom Wissen zur Verbundenheit

Shownotes

Diese Folge beschäftigt sich mit dem Menschen als sozialem Wesen und fragt, was Gemeinschaft von wirklicher Verbundenheit unterscheidet. Dabei wird deutlich: Ein gesundes Wir verlangt nicht die Aufgabe des Ichs. Es braucht Menschen, die selbstständig denken können und gleichzeitig bereit sind, Verantwortung füreinander zu übernehmen.

Leitfrage Was verbindet Menschen wirklich, gemeinsame Zugehörigkeit oder die Bereitschaft, füreinander Verantwortung zu übernehmen? Kernsatz „Verbundenheit bedeutet nicht nur, dass wir zusammengehören. Sie zeigt sich darin, wie wir miteinander umgehen.“

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Vom Wissen zur Verbundenheit

Folge 2: Verbundenheit ist mehr als Gemeinschaftsgefühl

Warum der Mensch den anderen braucht

Intro

Herzlich willkommen zur zweiten Folge unserer Podcast-Reihe:

„Vom Wissen zur Verbundenheit – Wie aus persönlicher Entwicklung gesellschaftliche Verantwortung wird.“

In der ersten Folge haben wir über unseren Standpunkt gesprochen.

Über die Möglichkeit, für einen Augenblick unseren gewohnten Platz zu verlassen und die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Nicht, um unsere eigene Meinung aufzugeben.

Nicht, um uns dem anderen anzupassen.

Sondern um mehr zu sehen.

Wir haben dafür das Bild eines Gebäudes benutzt.

Wer immer nur vor dem Gebäude steht, sieht dessen Vorderseite.

Erst wenn wir bereit sind, uns zu bewegen, entdecken wir die anderen Seiten.

Heute möchte ich diesen Gedanken weiterführen.

Denn dabei geschieht etwas Entscheidendes:

Für einen Rundumblick brauche ich den anderen.

Der andere Mensch sieht möglicherweise etwas, was ich von meinem Standort aus nicht sehen kann.

Damit kommen wir zu einem Begriff, der für diese gesamte Podcast-Reihe von zentraler Bedeutung sein wird:

Verbundenheit.

Doch was bedeutet Verbundenheit eigentlich?

Gemeinschaft und Verbundenheit sind nicht dasselbe

Wir Menschen bilden ständig Gemeinschaften.

Wir leben in Familien.

Wir arbeiten in Unternehmen.

Wir gehen in Schulen.

Wir gehören Vereinen, Gemeinden, Parteien, Organisationen oder Freundeskreisen an.

Wir leben in Dörfern und Städten.

Wir sind Bürger eines Landes.

Aber bedeutet die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft automatisch, dass wir miteinander verbunden sind?

Ich glaube nicht.

Man kann mit zwanzig Menschen in einem Raum sitzen und sich vollkommen allein fühlen.

Man kann seit Jahren in derselben Straße wohnen und den Nachbarn kaum kennen.

Man kann gemeinsam in einem Unternehmen arbeiten und trotzdem ausschließlich die eigene Karriere verfolgen.

Man kann sogar in einer Familie zusammenleben – und einander innerlich kaum noch erreichen.

Gemeinschaft beschreibt zunächst, dass Menschen zusammengehören oder zusammenkommen.

Verbundenheit beschreibt die Qualität ihrer Beziehung.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Der Mensch ist ein soziales Wesen

Dieser Gedanke ist keineswegs nur eine philosophische Überlegung.

Er spielt auch in der Psychologie eine bedeutende Rolle.

Alfred Adler und später Rudolf Dreikurs betrachteten den Menschen nicht als isoliertes Einzelwesen.

Die Individualpsychologie fragt immer auch danach, wie der Mensch seinen Platz unter anderen Menschen findet.

Zugehörigkeit, Kooperation und das Gefühl, einen Beitrag leisten zu können, sind dabei von zentraler Bedeutung.

Gerade Rudolf Dreikurs übertrug diese Gedanken sehr praktisch auf Familie, Erziehung, Schule und Gemeinschaft.

Vereinfacht können wir einen seiner Grundgedanken so ausdrücken:

Der Mensch ist ein soziales Wesen.

Wir wollen dazugehören.

Wir wollen einen Platz haben.

Wir wollen wahrgenommen werden.

Und wir möchten erleben, dass wir etwas beitragen können.

Das gilt für Erwachsene.

Und es gilt in besonderer Weise für Kinder.

Ein Kind will dazugehören

Beobachten wir einmal ein kleines Kind.

Es möchte nicht einfach nur versorgt werden.

Es beobachtet die Menschen um sich herum.

Es ahmt sie nach.

Es möchte beteiligt sein.

Wenn die Erwachsenen etwas tun, möchte es häufig mitmachen.

„Ich auch!“

Vielleicht sind das zwei der wichtigsten Worte kindlicher Entwicklung.

Ich auch.

Das Kind sagt damit nicht nur:

Ich möchte dieselbe Tätigkeit ausführen.

Dahinter kann auch etwas anderes stehen:

Ich möchte dazugehören.

Ich möchte Teil dessen sein, was hier geschieht.

Und plötzlich bekommt Erziehung eine andere Bedeutung.

Dann lautet die Frage nicht mehr nur:

Wie bringe ich einem Kind bei, sich richtig zu verhalten?

Sondern auch:

Wie erlebt dieses Kind seinen Platz in unserer Gemeinschaft?

Kinder lernen nicht nur aus unseren Worten

Hier möchte ich einen Gedanken von Rudolf Dreikurs bereits kurz berühren, auf den wir in einer späteren Podcast-Reihe ausführlicher zurückkommen werden.

Kinder lernen nicht nur dadurch, dass Erwachsene ihnen erklären, was richtig und falsch ist.

Sie lernen auch aus den Folgen ihres Handelns.

Das ist etwas anderes als Strafe.

Wenn ich ein Kind bestrafe, entscheide ich als Erwachsener:

Du hast etwas Falsches getan – deshalb füge ich dir jetzt eine unangenehme Folge zu.

Eine sinnvolle Konsequenz dagegen steht in Beziehung zum Geschehen.

Das Kind kann erfahren:

Mein Handeln hat Auswirkungen.

Auf mich.

Auf andere.

Auf unsere Gemeinschaft.

Und damit sind wir bereits mitten in unserem Thema.

Denn Verbundenheit bedeutet auch:

Mein Handeln endet nicht bei mir.

Es hat Folgen für andere Menschen.

Vielleicht beginnt Verantwortung genau hier

Wir Erwachsenen vergessen das manchmal.

Wir sprechen von Freiheit und meinen damit häufig:

Ich darf entscheiden.

Das stimmt.

Aber Freiheit besitzt eine zweite Seite.

Ich trage die Folgen meiner Entscheidung.

Und in einer Gemeinschaft treffen diese Folgen eben nicht ausschließlich mich.

Nehmen wir etwas ganz Einfaches.

Jemand wirft im Park seinen Abfall auf den Boden.

Für ihn ist die Sache nach wenigen Sekunden beendet.

Aber die Folge seines Handelns bleibt.

Ein anderer sieht den Müll.

Jemand muss ihn aufsammeln.

Die Gemeinschaft trägt die Konsequenz einer individuellen Entscheidung.

Oder nehmen wir das Zusammenleben in einer Familie.

Wenn einer ständig Aufgaben liegen lässt, verschwinden diese Aufgaben nicht.

Ein anderer erledigt sie.

Was für den einen Freiheit bedeutet, kann für einen anderen zusätzliche Belastung bedeuten.

Plötzlich erkennen wir:

Das Ich und das Wir lassen sich im wirklichen Leben gar nicht sauber voneinander trennen.

Verbundenheit bedeutet, Folgen wahrzunehmen

Vielleicht können wir Verbundenheit deshalb noch anders beschreiben.

Verbundenheit bedeutet:

Ich beginne wahrzunehmen, welche Folgen mein Handeln für andere hat.

Damit bekommt Verbundenheit eine ganz praktische Bedeutung.

Sie besteht nicht nur darin, freundlich miteinander umzugehen.

Nicht nur darin, sich gegenseitig zu mögen.

Und auch nicht nur darin, ein starkes Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln.

Ich kann mich einer Gruppe sehr verbunden fühlen – und trotzdem gegenüber allen Menschen außerhalb dieser Gruppe rücksichtslos sein.

Das wäre eine sehr begrenzte Form von Verbundenheit.

Deshalb müssen wir weiterfragen:

Wie weit reicht unser Wir?

Wer gehört zu unserem Wir?

Das ist vielleicht eine der spannendsten Fragen überhaupt.

Wenn ich sage:

„Wir müssen zusammenhalten“ –

wen meine ich mit wir?

Meine Familie?

Meine Freunde?

Meine Gemeinde?

Meine Nation?

Menschen, die dieselben politischen Ansichten haben wie ich?

Menschen meiner Kultur?

Und was geschieht mit denen, die nicht dazugehören?

Ausgerechnet das Wort „Wir“ kann nämlich verbinden und trennen.

Es kann heißen:

Wir gehören zusammen.

Aber es kann ebenso heißen:

Wir – und die anderen.

Deshalb reicht Gemeinschaftsgefühl allein nicht aus.

Eine Gruppe kann nach innen einen starken Zusammenhalt besitzen und nach außen trotzdem Feindbilder entwickeln.

Verbundenheit muss deshalb weiter reichen.

Alfred Adler und das Gemeinschaftsgefühl

An dieser Stelle lohnt sich ein kurzer Blick auf Alfred Adler, dessen Gedanken Rudolf Dreikurs später weiterentwickelte und praktisch in Erziehung und Gemeinschaftsarbeit umsetzte.

Adler verwendete den Begriff Gemeinschaftsgefühl.

Damit meinte er nicht einfach Geselligkeit.

Es ging ihm um die Fähigkeit, sich als Teil der menschlichen Gemeinschaft zu begreifen, mit anderen zusammenzuarbeiten und zum gemeinsamen Wohl beizutragen.

Das ist ein großer Unterschied.

Gemeinschaftsgefühl heißt dann nicht nur:

Ich fühle mich bei diesen Menschen wohl.

Sondern:

Ich erkenne, dass ich mit anderen Menschen verbunden bin und Verantwortung innerhalb dieser Gemeinschaft trage.

Damit kommen wir unserem Begriff der Verbundenheit schon sehr nahe.

Vom Dazugehören zum Beitragen

Vielleicht gibt es dabei eine interessante Entwicklung.

Am Anfang unseres Lebens brauchen wir vor allem andere Menschen.

Das Baby kann ohne andere nicht überleben.

Das Kind braucht Schutz.

Es braucht Beziehung.

Es braucht Ermutigung.

Es braucht Menschen, die ihm zeigen:

Du gehörst zu uns.

Aber irgendwann verändert sich etwas.

Der heranwachsende Mensch kann zunehmend selbst etwas beitragen.

Aus:

„Ich brauche die Gemeinschaft“

kann langsam werden:

„Die Gemeinschaft kann auch etwas von mir bekommen.“

Das ist ein gewaltiger Entwicklungsschritt.

Vielleicht beginnt gesellschaftliche Verantwortung genau dort.

Wenn wir nicht mehr ausschließlich fragen:

Was bekomme ich?

Sondern zusätzlich:

Was kann ich beitragen?

Eine Gemeinschaft braucht Unterschiede

Und nun geschieht etwas Interessantes.

Damit eine Gemeinschaft funktioniert, müssen Menschen keineswegs gleich sein.

Im Gegenteil.

Stellen Sie sich ein Orchester vor.

Was würde geschehen, wenn alle Musiker dasselbe Instrument spielten und dieselbe Stimme?

Es könnte durchaus Musik entstehen.

Aber die Möglichkeiten wären begrenzt.

Erst die unterschiedlichen Instrumente ermöglichen die Vielfalt des Klanges.

Die Geige muss nicht zum Cello werden.

Die Flöte muss nicht versuchen, eine Trompete zu sein.

Jedes Instrument behält seine Eigenart.

Aber es lernt, auf die anderen zu hören.

Vielleicht ist das ein gutes Bild für Verbundenheit.

Nicht Gleichheit schafft Einheit, sondern das Zusammenspiel von Verschiedenheit.

Das Ich verschwindet nicht.

Es bekommt einen Platz im Ganzen.

Wir brauchen den anderen

Damit kommen wir zurück zur ersten Folge und zu unserem Rundumblick.

Vielleicht brauche ich den anderen nicht nur deshalb, weil Gemeinschaft angenehmer ist.

Vielleicht brauche ich ihn sogar für meine eigene Entwicklung.

Der andere kann etwas sehen, was ich nicht sehe.

Er kann etwas können, was ich nicht kann.

Er kann mich auf eine Wirkung meines Handelns aufmerksam machen, die mir selbst verborgen geblieben ist.

Er kann mir widersprechen.

Und manchmal kann gerade dieser Widerspruch wertvoll sein.

Nicht jeder Widerspruch ist richtig.

Nicht jede Kritik muss ich übernehmen.

Aber wenn niemand mehr meinen Standpunkt infrage stellen darf, bleibt mein Blick zwangsläufig begrenzt.

Verbundenheit bedeutet deshalb nicht nur Nähe.

Sie bedeutet auch, sich gegenseitig Entwicklung zu ermöglichen.

Was hat das mit unserer Gesellschaft zu tun?

Sehr viel.

Denn nun können wir unsere Gesellschaft aus einer anderen Perspektive betrachten.

Was geschieht, wenn Menschen hauptsächlich lernen:

Setz dich durch.

Sei besser als die anderen.

Sichere deinen Vorteil.

Kümmere dich zuerst um dich selbst.

Und was würde sich verändern, wenn Menschen zusätzlich lernen:

Was kannst du beitragen?

Welche Folgen hat deine Entscheidung für andere?

Was sieht dein Gegenüber, was du vielleicht nicht siehst?

Wo wirst du gebraucht?

Wie können unterschiedliche Fähigkeiten zusammenwirken?

Das wären nicht nur andere Erziehungsmethoden.

Dahinter stünde ein anderes Verständnis vom Menschen.

Das Ich bleibt bestehen

Und deshalb möchte ich einen Gedanken aus der ersten Folge noch einmal ausdrücklich aufnehmen.

Wir wollen das Ich nicht bekämpfen.

Wir brauchen starke Persönlichkeiten.

Menschen, die selbstständig denken.

Menschen, die Nein sagen können.

Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Menschen, die den Mut besitzen, einer Mehrheit zu widersprechen.

Aber vielleicht ist eine starke Persönlichkeit gerade nicht der Mensch, der niemanden braucht.

Vielleicht zeigt sich Stärke auch darin, dass ich meine Verbundenheit mit anderen anerkennen kann, ohne mich selbst zu verlieren.

Ich bleibe Ich.

Aber ich begreife:

Mein Ich existiert nicht beziehungslos.

Eine kleine Frage für den Alltag

Vielleicht können wir wieder ein kleines Experiment machen.

Beobachten Sie einmal eine ganz gewöhnliche Entscheidung Ihres Tages.

Nichts Großes.

Vielleicht beim Einkaufen.

Im Straßenverkehr.

In der Familie.

Bei der Arbeit.

Oder im Gespräch mit einem anderen Menschen.

Und fragen Sie sich nicht nur:

Was bedeutet diese Entscheidung für mich?

Sondern:

Welche Folgen hat sie für andere?

Vielleicht verändert sich dadurch überhaupt nichts an Ihrer Entscheidung.

Das ist möglich.

Aber möglicherweise verändert sich die Art, wie bewusst Sie entscheiden.

Und genau darum geht es.

Vom Gemeinschaftsgefühl zur Verbundenheit

Verbundenheit beginnt vielleicht mit dem Gefühl:

Ich gehöre dazu.

Aber sie darf dort nicht enden.

Der nächste Schritt lautet:

Ich trage etwas bei.

Und danach vielleicht:

Ich trage Mitverantwortung für das Ganze.

So entsteht eine Entwicklung:

Zugehörigkeit – Beziehung – Beitrag – Verantwortung – Verbundenheit.

Und plötzlich erkennen wir:

Verbundenheit ist keine romantische Vorstellung.

Sie ist eine Aufgabe.

Eine menschliche Aufgabe.

Und vielleicht auch eine gesellschaftliche.

Ausblick

In dieser Folge haben wir einen ersten kleinen Blick auf Alfred Adler und Rudolf Dreikurs geworfen.

Bei Dreikurs werden wir später noch genauer hinschauen.

Vor allem auf eine faszinierende Frage:

Was verändert sich in der Erziehung, wenn Kinder nicht durch Strafe gehorchen sollen, sondern aus den Folgen ihres eigenen Handelns lernen?

Das verdient eine eigene Podcast-Reihe.

Für unseren jetzigen Weg nehmen wir zunächst einen anderen Gedanken mit:

Der Mensch ist ein soziales Wesen.

Wir wollen dazugehören.

Aber menschliche Entwicklung kann darüber hinausführen:

Vom Dazugehören zum Beitragen.

Vom Beitragen zur Verantwortung.

Und von der Verantwortung zur Verbundenheit.

In der nächsten Folge beschäftigen wir uns deshalb mit einem Gedanken, der zunächst widersprüchlich erscheinen könnte:

Einheit bedeutet nicht Gleichheit.

Vielleicht brauchen wir gerade unsere Unterschiede, damit ein wirkliches Wir entstehen kann.

Bis dahin möchte ich Ihnen eine Frage mitgeben:

Wo endet heute mein Ich – und wo beginnen bereits die Folgen meines Handelns für das Wir?

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