2.Folge Vom Wissen zur Weisheit

Shownotes

Eine Urkunde kann bestätigen, was ein Mensch gelernt hat. Sie kann aber nicht beantworten, was aus diesem Wissen in diesem Menschen geworden ist.

Transkript anzeigen

Podcast-Reihe: Vom Wissen zur Weisheit

Folge 2: Wissen haben – Die Illusion des Besitzes

Einleitung – Haben oder Sein?

Erich Fromm hat in seinem bekannten Werk Haben oder Sein eine grundlegende Frage gestellt:

Orientiert sich unser Leben am Haben – oder am Sein?

Fromm beschreibt damit zwei unterschiedliche Arten, sich selbst und der Welt zu begegnen.

Beim Haben geht es um Besitz.

Ich habe ein Haus.

Ich habe ein Auto.

Ich habe Geld.

Ich habe einen Beruf.

Ich habe einen Titel.

Beim Sein geht es dagegen nicht in erster Linie darum, was ich besitze, sondern darum, was in mir lebendig geworden ist.

Wie denke ich?

Wie begegne ich anderen Menschen?

Wie handle ich?

Wie entwickle ich mich?

Was ist aus dem geworden, was ich erfahren und gelernt habe?

Und genau diese Unterscheidung können wir auf Bildung übertragen.

Denn auch dort benutzen wir ganz selbstverständlich die Sprache des Besitzes.

Wir sagen:

Ich habe Wissen.

Aber was bedeutet das eigentlich?

Viele Menschen haben Wissen

Wir leben in einer Gesellschaft, in der ungeheure Mengen an Wissen verfügbar sind.

Noch nie war es für so viele Menschen möglich, auf so viel Information zuzugreifen.

Schulen vermitteln Wissen.

Universitäten vermitteln Wissen.

Bücher vermitteln Wissen.

Das Internet stellt uns innerhalb weniger Sekunden Informationen zur Verfügung, für deren Suche frühere Generationen Bibliotheken aufsuchen mussten.

Und wir dokumentieren erworbenes Wissen.

Wir bekommen Zeugnisse.

Urkunden.

Diplome.

Zertifikate.

Akademische Grade.

Titel.

Sie haben ihren Sinn.

Ein Abschluss kann zeigen, dass ein Mensch über Jahre gearbeitet, gelernt und Prüfungen bestanden hat.

Ein medizinischer Abschluss ist nicht bedeutungslos.

Ein Meisterbrief ist nicht bedeutungslos.

Ein Hochschulabschluss ist nicht bedeutungslos.

Wir brauchen Nachweise über Qualifikationen.

Aber vielleicht beginnt das Problem dort, wo wir aus einem Nachweis über erworbenes Wissen eine Aussage über den ganzen Menschen machen.

Denn eine Urkunde kann bestätigen:

Dieser Mensch hat eine bestimmte Ausbildung abgeschlossen.

Aber kann sie bestätigen:

Dieser Mensch hat verstanden?

Kann ein Titel zeigen, wie ein Mensch mit seinem Wissen umgeht?

Kann ein Zeugnis Auskunft darüber geben, ob jemand Zusammenhänge erkennt?

Oder ob er Verantwortung übernimmt?

Und vor allem:

Führt Wissen automatisch zu Erkenntnis?

Wissen und Erkenntnis sind nicht dasselbe

In der ersten Folge haben wir zwischen Auswendiglernen und Verstehen unterschieden.

Jetzt gehen wir einen Schritt weiter.

Denn auch verstandenes Wissen ist noch nicht automatisch Erkenntnis.

Wir können etwas wissen, ohne dass dieses Wissen unser Denken verändert.

Wir können etwas verstanden haben, ohne Konsequenzen daraus zu ziehen.

Wir können beispielsweise sehr viel über Kommunikation wissen und trotzdem schlecht zuhören.

Wir können Bücher über Kindererziehung gelesen haben und einem Kind dennoch nicht wirklich begegnen.

Wir können sämtliche Theorien über Konfliktlösung kennen und trotzdem unfähig sein, einen eigenen Konflikt friedlich zu lösen.

Wir können über Gerechtigkeit sprechen und uns dennoch ungerecht verhalten.

Deshalb möchte ich drei Menschen gegenüberstellen.

Nicht um sie gegeneinander auszuspielen.

Sondern um unsere Vorstellung von Wissen und Bildung zu hinterfragen.

Der Professor ohne Menschenkenntnis

Stellen wir uns einen Professor vor.

Er hat viele Jahre studiert.

Er hat promoviert.

Vielleicht hat er habilitiert.

Er hat Bücher veröffentlicht.

Er kennt sein Fachgebiet hervorragend.

Wenn wir eine fachliche Frage stellen, kann er uns wahrscheinlich Zusammenhänge erklären, von denen die meisten Menschen noch nie gehört haben.

Dieser Mensch besitzt zweifellos enormes Fachwissen.

Aber stellen wir uns gleichzeitig vor:

Er kann kaum zuhören.

Er nimmt die Menschen um sich herum wenig wahr.

Er behandelt Studierende herablassend.

Er erkennt nicht, wenn ein Mensch vor ihm Angst hat oder Unterstützung benötigt.

Vielleicht gewinnt er jede wissenschaftliche Diskussion – und verliert dabei den Menschen, der ihm gegenübersitzt.

Ist dieser Professor gebildet?

Ja – in einem bestimmten Sinne.

Er besitzt eine hohe fachliche Bildung.

Das sollten wir nicht kleinreden.

Aber seine fachliche Bildung beantwortet noch nicht die Frage nach seiner Menschenkenntnis.

Sie sagt noch nichts über Empathie.

Nichts über Bescheidenheit.

Nichts über die Fähigkeit zuzuhören.

Nichts über seine Lebensweisheit.

Der Fehler wäre deshalb nicht, diesen Professor als fachlich gebildet zu bezeichnen.

Der Fehler wäre, daraus zu schließen:

Weil dieser Mensch viel weiß, versteht er deshalb auch den Menschen.

Der Handwerker mit großer Lebensweisheit

Nun stellen wir diesem Professor einen Handwerker gegenüber.

Vielleicht hat dieser Mensch nie eine Universität besucht.

An seiner Wand hängen keine akademischen Urkunden.

Vor seinem Namen steht kein Titel.

Aber er hat jahrzehntelang gearbeitet.

Er hat erlebt, dass ein Plan manchmal nicht funktioniert.

Er hat gelernt, ein Problem von verschiedenen Seiten zu betrachten.

Er weiß, dass ein Material seine eigenen Eigenschaften besitzt und dass man die Wirklichkeit nicht zwingen kann, sich unserer Theorie anzupassen.

Er hat mit jungen Auszubildenden gearbeitet.

Mit schwierigen Kunden.

Mit Kollegen.

Er hat Fehler gemacht.

Und vielleicht hat er aus ihnen gelernt.

Wenn ein junger Mensch neben ihm einen Fehler macht, sagt er möglicherweise nicht:

„Wie kann man nur so dumm sein?“

Sondern:

„Schau es dir noch einmal an. Wo könnte der Fehler liegen?“

Dieser Mensch hat vielleicht weniger theoretisches Wissen als unser Professor.

Aber möglicherweise besitzt er etwas, das sich sehr schwer prüfen lässt:

Erfahrung.

Urteilsfähigkeit.

Menschenkenntnis.

Gelassenheit.

Und vielleicht Lebensweisheit.

Ist er deshalb dem Professor überlegen?

Nein.

Auch das wäre zu einfach.

Der Professor kann etwas wissen, dass der Handwerker nicht weiß.

Und der Handwerker kann etwas verstanden haben, das dem Professor fehlt.

Genau das ist der Punkt.

Wissen hat verschiedene Formen – und Lebensweisheit lässt sich nicht an einem akademischen Titel ablesen.

Das Kind mit erstaunlicher Empathie

Und nun kommt eine dritte Person hinzu.

Ein Kind.

Vielleicht acht Jahre alt.

Es hat noch keinen Schulabschluss.

Keine Ausbildung.

Keinen Titel.

Sein Wissen über die Welt ist zwangsläufig begrenzt.

Dann geschieht etwas.

Ein anderes Kind sitzt allein auf dem Schulhof.

Die anderen laufen vorbei.

Vielleicht bemerken einige von ihnen das Kind überhaupt nicht.

Unser achtjähriges Kind bleibt stehen.

Es setzt sich daneben.

Vielleicht fragt es:

„Was ist los?“

Oder es sagt überhaupt nichts.

Es bleibt einfach dort.

Dieses Kind kann wahrscheinlich keine wissenschaftliche Definition von Empathie geben.

Vielleicht kennt es nicht einmal das Wort.

Aber es handelt empathisch.

Was besitzt dieses Kind?

Wenig Fachwissen.

Wenig Lebenserfahrung.

Und trotzdem zeigt es in diesem Augenblick eine menschliche Fähigkeit, die weder ein Zeugnis noch ein akademischer Titel garantieren kann.

Das sollten wir nicht romantisieren.

Ein Kind ist nicht automatisch weiser als ein Erwachsener.

Und Empathie ersetzt kein Fachwissen.

Wenn ich operiert werden muss, möchte ich keinen empathischen Achtjährigen als Chirurgen.

Ich möchte einen hervorragend ausgebildeten Arzt.

Aber ich wünsche mir wahrscheinlich noch etwas:

einen hervorragend ausgebildeten Arzt, der zugleich Mensch geblieben ist.

Und vielleicht kommen wir damit dem eigentlichen Problem näher.

Wer von den dreien ist gebildet?

Der Professor?

Der Handwerker?

Das Kind?

Vielleicht ist schon die Frage falsch gestellt.

Denn wir versuchen wieder, Menschen auf einer einzigen Skala einzuordnen.

Der Professor besitzt Fachwissen.

Der Handwerker besitzt Erfahrung und möglicherweise Lebensweisheit.

Das Kind zeigt Empathie.

Warum sollte wirkliche Bildung verlangen, dass wir uns für eines davon entscheiden?

Vielleicht besteht eine umfassende Bildung gerade darin, diese verschiedenen Ebenen miteinander zu verbinden:

Wissen.

Verstehen.

Erfahrung.

Urteilsfähigkeit.

Menschlichkeit.

Dann wäre der ideale Zustand nicht:

Professor oder Handwerker oder empathisches Kind.

Sondern ein Mensch, der bereit ist, sein Wissen mit Erfahrung zu verbinden und dabei die Fähigkeit zur menschlichen Begegnung nicht verliert.

Kann man Wissen besitzen wie ein Auto?

Und damit kommen wir zu unserer Leitfrage:

Kann man Wissen besitzen wie ein Auto?

Bei einem Auto ist die Sache relativ einfach.

Ich kaufe es.

Es gehört mir.

Ich kann es in die Garage stellen.

Ich kann es benutzen.

Ich kann es verkaufen.

Und wenn ich heute nicht damit fahre, bleibt es trotzdem mein Besitz.

Aber funktioniert Wissen genauso?

Nehmen wir an, ich lese hundert Bücher über Mitgefühl.

Ich kenne die wichtigsten psychologischen Untersuchungen.

Ich kann Vorträge darüber halten.

Ich kann den Begriff definieren.

Ich kann sogar andere Menschen darüber belehren, wie wichtig Mitgefühl ist.

Habe ich deshalb Mitgefühl?

Nein.

Ich habe möglicherweise Wissen über Mitgefühl.

Das ist etwas anderes.

Nehmen wir Gerechtigkeit.

Ich kann philosophische Werke über Gerechtigkeit gelesen haben.

Ich kenne verschiedene Definitionen.

Vielleicht kann ich sogar eine Prüfung darüber mit Bestnote bestehen.

Aber bin ich deshalb gerecht?

Wieder lautet die Antwort:

Nein.

Ich kann viel über Gerechtigkeit wissen, ohne gerecht zu handeln.

Hier zeigt sich die Grenze des Besitzdenkens.

Ein Auto kann ich besitzen, ohne dass es mich innerlich verändert.

Wissen dagegen erfüllt seinen tieferen Sinn erst dann, wenn etwas damit geschieht.

Wenn ich Zusammenhänge erkenne.

Wenn ich meine bisherigen Vorstellungen überprüfe.

Wenn ich mein Verhalten hinterfrage.

Wenn ich aufgrund einer Erkenntnis anders handle.

Wenn Wissen zum Status wird

Warum ist die Vorstellung vom Wissen als Besitz trotzdem so attraktiv?

Weil Wissen gesellschaftlichen Wert besitzt.

Wer etwas weiß, kann Anerkennung bekommen.

Abschlüsse können berufliche Möglichkeiten eröffnen.

Titel können Ansehen verleihen.

Und daran ist zunächst nichts Verwerfliches.

Problematisch wird es, wenn Wissen nicht mehr dem Verstehen dient, sondern hauptsächlich der eigenen Stellung.

Dann kann aus:

„Ich möchte etwas verstehen“

unmerklich werden:

„Ich möchte zeigen, dass ich mehr weiß als du.“

Und damit verändert sich auch das Gespräch.

Wir hören dem anderen nicht mehr zu, um etwas zu erfahren.

Wir warten darauf, selbst sprechen zu können.

Wir stellen keine Fragen mehr, weil wir glauben, die Antwort bereits zu besitzen.

Vielleicht liegt darin sogar eine besondere Gefahr des Wissens:

Je mehr wir wissen, desto leichter können wir vergessen, wie viel wir nicht wissen.

Ein wirklich wissender Mensch müsste deshalb eigentlich nicht immer sicherer, sondern in mancher Hinsicht auch bescheidener werden.

Denn mit jeder beantworteten Frage entstehen neue Fragen.

Wissen besitzen oder mit Wissen leben?

Vielleicht hilft uns deshalb eine andere Sprache.

Statt nur zu fragen:

„Wie viel weiß dieser Mensch?“

könnten wir fragen:

„Was macht sein Wissen mit ihm?“

Macht es ihn neugieriger?

Oder selbstsicherer gegenüber anderen?

Lässt es ihn genauer hinschauen?

Oder glaubt er, nicht mehr hinschauen zu müssen?

Hilft es ihm, Zusammenhänge zu erkennen?

Kann er sein Wissen korrigieren, wenn neue Erkenntnisse auftauchen?

Und vor allem:

Findet sein Wissen einen Weg in sein Leben?

Damit kommen wir Erich Fromms Unterscheidung von Haben und Sein wieder näher.

Die Haltung des Habens sagt:

Ich habe Wissen.

Die Haltung des Seins könnte eher sagen:

Ich lerne.

Ich erkenne.

Ich verändere mich.

Vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied.

Wissen ist dann kein Gegenstand, den ich irgendwann vollständig besitze.

Es bleibt ein Prozess.

Vom Haben zum Sein

Kehren wir noch einmal zu unseren drei Menschen zurück.

Zum Professor.

Zum Handwerker.

Zum Kind.

Wir sollten keinen von ihnen zum Sieger erklären.

Der Professor erinnert uns daran, welchen Wert systematisches Wissen besitzt.

Der Handwerker erinnert uns daran, welchen Wert Erfahrung und praktisches Urteil besitzen.

Und das Kind erinnert uns daran, dass eine menschliche Eigenschaft manchmal sichtbar wird, lange bevor ein Mensch sie theoretisch erklären kann.

Vielleicht brauchen wir alle drei Dimensionen.

Wissen, das unseren Verstand erweitert.

Erfahrung, die unser Urteil reifen lässt.

Und menschliche Eigenschaften, die bestimmen, wie wir unser Wissen einsetzen.

Und genau an diesem letzten Punkt öffnet sich bereits eine Tür, durch die wir später noch gehen werden.

Denn Wissen über Mitgefühl macht uns noch nicht mitfühlend.

Wissen über Gerechtigkeit macht uns noch nicht gerecht.

Wissen über Wahrhaftigkeit macht uns noch nicht wahrhaftig.

Zwischen wissen und sein liegt noch etwas:

das Handeln.

Schluss

In der ersten Folge haben wir Wissen mit einem Samenkorn verglichen.

Wir können Samenkörner sammeln.

Wir können sie besitzen.

Aber ein Lager voller Samen ist noch kein Garten.

Jetzt können wir diesen Gedanken weiterführen.

Vielleicht ist Wissen tatsächlich ein wenig wie ein Samenkorn.

Aber das Entscheidende ist nicht, wie viele Samen wir besitzen.

Entscheidend ist:

Was davon bringen wir zum Wachsen?

Eine Urkunde kann zeigen, was wir gelernt haben.

Ein Titel kann eine Qualifikation bezeichnen.

Ein Zeugnis kann eine Leistung dokumentieren.

Aber keines davon kann vollständig beantworten:

Was ist aus diesem Wissen in diesem Menschen geworden?

Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen:

„Was hat dieser Mensch?“

und häufiger:

„Was ist aus diesem Menschen geworden?“

Erich Fromms Frage „Haben oder Sein?“ bekommt damit für Bildung eine ganz besondere Bedeutung.

Denn Wissen, das wir nur besitzen wollen, kann in Büchern, Zeugnissen und Köpfen verbleiben.

Wissen, das Teil unseres Lebens wird, kann etwas verändern.

Uns selbst.

Unser Handeln.

Und vielleicht sogar unsere Beziehungen zu anderen Menschen.

Damit stehen wir vor der nächsten Frage:

Wann wird aus Wissen eigentlich Erkenntnis?

Und noch wichtiger:

Wann wird aus Erkenntnis Handeln?

Denn wir alle kennen wahrscheinlich Situationen, in denen wir genau wissen, was richtig wäre – und trotzdem anders handeln.

Genau dort beginnt der nächste Schritt auf unserem Weg:

vom Wissen zur Weisheit.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.