2.Folge Vom Wissen zur Weisheit

Shownotes

Eine Urkunde kann bestätigen, was ein Mensch gelernt hat. Sie kann aber nicht beantworten, was aus diesem Wissen in diesem Menschen geworden ist.

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00:00:00: Erich Fromm hat in seinen Bekanntenwerk haben oder sein eine grundlegende Frage gestellt.

00:00:19: Orientiert sich unser Leben am Haben, oder am Sein?

00:00:25: Fromm beschreibt damit zwei unterschiedliche Arten – und die Welt zu begegnen.

00:00:34: Beim Haben geht es um Besitz, ich habe ein Haus Ich habe einen Garten Ich habe Geld Ich habe ein Beruf Und ich habe Ein Titel.

00:00:45: Beim Sein geht es dagegen nicht in erster Linie darum was ich besitze sondern darum was in mir lebendig geworden ist.

00:00:57: Wie denke ich?

00:00:58: wie begegne ich anderen Menschen?

00:01:01: Wie handele ich?

00:01:03: Oder wie entwickel' ich mich?

00:01:06: Was ist aus dem geworden, was sich erfahren oder gelernt habe.

00:01:12: Und genau diese Unterscheidung können wir auf Bildung übertragen.

00:01:17: Denn auch dort benutzen wir ganz selbstverständlich die Sprache des Besitzes – Wir sagen Ich habe Wissen!

00:01:26: Aber was bedeutet das eigentlich?

00:01:30: In der ungeheure Mengen an Wissen verfügbar sind.

00:01:37: Noch nie waren es für so viele Menschen möglich, auf so viel Information zuzugreifen – Schulen vermitteln wissen, Universitäten verwitteln wissen.

00:01:51: Bücher vermittelt wissen.

00:01:54: Das Internet stellt uns innerhalb weniger Sekunden Informationen zur Verfügung Für deren Suche frühere Generation Bibliotheken aufsuchen mussten und wir dokumentieren erworbenes Wissen.

00:02:11: Wir bekommen Zeugnisse, Urkunden, Diplome, Zertifikate, akademische Garde oder andere Titeln – sie haben ihren Sinn!

00:02:22: Ein Abschluss kann zeigen das ein Mensch über Jahre gearbeitet, gelernt und Prüfung bestanden hat.

00:02:33: ist nicht bedeutungslos.

00:02:36: Ein Meisterbrief ist nicht bedeutungsloß, ein Hochschulabfluss ist ebenfalls nicht bedeutsungslos.

00:02:44: Wir brauchen Nachweise für Qualifikationen aber vielleicht beginnt das Problem dort wo wir aus einem Nachweis über erworbenes Wissen eine Aussage über den ganzen Menschen machen denn eine Urkunde kann bestätigen Dieser Mensch hat eine bestimmte Ausbildung abgeschlossen.

00:03:09: Aber kann sie bestätigen, dieser Mensch hat verstanden?

00:03:14: Kann ein Titel zeigen wie ein Mensch mit seinem Wissen umgeht?

00:03:20: Kann sein Zeugnis Auskunft darüber geben ob jemand Zusammenhänge erkennt oder ob er Verantwortung übernimmt?

00:03:31: und vor allem führt Wissen automatisch zur Erkenntnis.

00:03:37: In der ersten Folge haben wir zwischen auswendig Lernen und Verstehen unterschieden.

00:03:44: Jetzt gehen wir ein Schritt weiter, denn auch verstandenes Wissen ist noch nicht automatische Kenntnis!

00:03:53: Wir können etwas wissen ohne dass dieses Wissen unser Denken verändert.

00:04:00: Wir können was verstanden haben ohne Konsequenzen daraus zu ziehen.

00:04:06: Wir können beispielsweise sehr viel über Kommunikationswissen und trotzdem schlecht zuhören, wir können Bücher über Kindeserziehung gelesen haben – und einem Kind dennoch nicht wirklich begegnen!

00:04:35: Wir können über Gerechtigkeit sprechen und uns dennoch ungerecht verhalten.

00:04:41: Deshalb möchte ich drei Menschen gegenüber stellen, nicht um sie gemeinsam auszuspielen sondern um unsere Vorstellung von Wissen und Bildung zu hinterfragen.

00:04:56: Stellen wir uns ein Professor vor!

00:04:58: Er hat viele Jahre studiert, hat promoviert – vielleicht hat er habilitiert?

00:05:07: Er hat Bücher veröffentlicht, er kennt sich auf sein Fachgebiet hervorragend aus.

00:05:14: Wenn wir eine fachliche Frage stellen, kann noch uns wahrscheinlich Zusammenhänge erklären, von dem die meisten Menschen noch nie etwas gehört haben.

00:05:25: Dieser Mensch besitzt zweifelslos enormes Fachwissen!

00:05:31: Aber stellen wir uns gleichzeitig vor?

00:05:39: um sich herum wenig wahr.

00:05:42: Er behandelt Studierende herablassend und erkennt nicht, wenn ein Mensch vor ihm Angst hat oder Unterstützung benötigt.

00:05:53: Vielleicht gewinnt er jede wissenschaftliche Diskussion und verliert dabei den Menschen der im Gegenübersitz.

00:06:02: Ist dieser Professor gebildet?

00:06:05: Ja in einen bestimmten Sinne!

00:06:08: Er besitzt eine hohe fachliche Bildung.

00:06:12: Das sollten wir nicht kleinreden, aber seine fachliche Bildung beantwortet noch nicht die Frage nach seiner Menschenkenntnis.

00:06:23: Sie sagt noch nichts über Empathie, Nichts über Bescheidenheit, Nichtes über die Fähigkeit zuzuhören und auch nicht über seine Lebensweisheit!

00:06:35: Der Fehler wäre deshalb nicht Diesen Professor als fachlich gebildet zu bezeichnen.

00:06:43: Der Fehler wäre, daraus zu schließen, weil dieser Mensch viel weiß versteht er deshalb auch den Menschen.

00:06:52: Nun stellen wir diesen Professor ein Handwerker dem über.

00:06:57: Vielleicht hat dieser Mensch nie eine Universität besucht.

00:07:01: An seiner Wand hängt keine akademischen Urkunden Vor seinem Namen steht kein Titel Aber er hat hier zehntelange gearbeitet, er hat erlebt das ein Plan manchmal nicht funktioniert.

00:07:18: Er hat gelernt, ein Problem von verschiedenen Seiten zu betrachten und er weiß dass ein Material seine eigenen Eigenschaften besitzt und dass man die Wirklichkeit nicht erzwingt kann sich unserer Theorie anzupassen.

00:07:37: Er hat mit jungen Auszubildenden gearbeitet, mit schwierigen Kunden, Mit Kollegen.

00:07:45: Er hat Fehler gemacht und vielleicht hat er aus ihnen gelernt.

00:07:50: Wenn ein junger Mensch neben ihm einen Fehler macht, sagt er möglicherweise nicht wie kann man nur so dumm sein?

00:07:58: sondern schau es hier noch einmal an wo könnte der Fehler liegen?

00:08:04: Dieser Mensch hat vielleicht weniger theoretisches Wissen als unser Professor.

00:08:11: Aber möglicherweise besitzt er etwas, das sich sehr schwer prüfen lässt – Erfahrung, Urteilsfähigkeit, Menschenkenntnis, Gelassenheit und vielleicht Lebensweisheit?

00:08:29: Ist er deshalb dem Professor überlegen?

00:08:32: Nein!

00:08:33: Auch das wäre zu einfach….

00:08:35: Der Professor kann etwas wissen, was der Handwerker nicht weiß und der Handwerkern kann etwas verstanden haben, das dem Professor fehlt.

00:08:47: Genau das ist der Punkt!

00:08:50: Wissen hat verschiedene Formen – und Lebensweisheit lässt sich nicht an einem akademischen Titel ablesen.

00:08:59: Und nun kommt die dritte Person dazu Ein Kind vielleicht acht Jahre alt.

00:09:07: Es hat keinen Schulabfluss, keine Ausbildung.

00:09:10: Natürlich auch kein Titel.

00:09:12: Sein Wissen über die Welt ist zwangsläufig begrenzt.

00:09:17: Dann geschieht etwas... Ein anderes Kind sitzt allein auf dem Schulhof.

00:09:24: Die anderen laufen vorbei.

00:09:27: Vielleicht bemerken einige von ihnen das Kind überhaupt nicht.

00:09:31: Unser achtjähriges Kind bleibt stehen es setzt sich daneben.

00:09:37: vielleicht fragt es Was ist los?

00:09:40: Oder es sagt überhaupt nichts.

00:09:42: Es bleibt einfach dort!

00:09:45: Dieses Kind kann wahrscheinlich kein wissenschaftliche Definition von Empathie geben, vielleicht kennt es nicht mehr das Wort aber es handelt empathisch.

00:09:58: was besitzt dieses Kind?

00:10:02: wenig Fachwissen, wenig Lebenserfahrung Und trotzdem zeigt es in diesem Augenblick eine menschliche Fähigkeit, die weder ein Zeugnis noch einen akademischen Titel garantieren kann.

00:10:19: Das sollten wir nicht traumatisieren!

00:10:22: Ein Kind ist nicht automatisch weiser als ein Erwachsener und Empathie ersetzt kein Fachwissen.

00:10:31: Wenn ich operiert werden muss, möchte ich keinen empathischen achtjährigen

00:10:36: Archiroben.".

00:10:38: Ich möchte einen hervorragend ausgebildeten Arzt, aber ich wünsche mir wahrscheinlich noch etwas.

00:10:46: Einen hervorragen Ausgebildenden Arzt der zugleich Mensch geblieben ist.

00:10:52: und vielleicht kommen wir damit dem eigentlichen Problem näher.

00:10:57: Wer von den Dreien es gebildet?

00:11:01: Der Professor?

00:11:03: Der Handwerker?

00:11:05: Das Kind?

00:11:07: Vielleicht ist schon die Frage falsch gestellt!

00:11:11: Denn wir versuchen wieder Menschen auf einer einzigen Skala einzuordnen.

00:11:18: Der Professor Besitz Fachwissen, der Handwerker-Besitzerfahrung und mögliche Lebensweisheit – das Kind zeigt Empathie.

00:11:30: Waren sollte wirkliche Bildung verlangen, dass wir uns für etwas davon entscheiden?

00:11:37: Vielleicht besteht eine umfassende Bildung gerade darin Diese verschiedenen Ebenen miteinander zu verbinden.

00:11:47: Wissen, verstehen, Urteilsfähigkeit, Erfahrung, Menschlichkeit – dann wäre der Idealzustand nicht Professor oder Handwerker oder empathisches Kind sondern ein Mensch, der bereit ist sein Wissen mit Erfahrung zu verbunden und dabei die Fähigkeit zur menschlichen Begegnung nicht verliert.

00:12:17: Und damit kommen wir zu unserer Leitfrage Kann man wissen, besitzen wie ein Auto?

00:12:25: Beim Auto ist die Sache relativ einfach Ich kaufe es – Es gehört mir!

00:12:31: ich kann es in die Garage stellen, kann es benutzen und kann es verkaufen.

00:12:38: Wenn ich heute nicht damit fahre bleibt es trotzdem mein Besitz.

00:12:43: Aber funktioniert wissen genauso?

00:12:46: Nehmen wir an, ich lese hundert Bücher über Mitgefühl.

00:13:15: Wissen über Mitgefühl Das ist etwas anderes.

00:13:21: Nehmen wir Gerechtigkeit.

00:13:24: Ich kann philosophische Werke über Gerechtigkeit gelesen haben, ich kenne verschiedene Definitionen.

00:13:33: Vielleicht kann ich sogar eine Prüfung darüber mit Bestnoten bestehen.

00:13:39: Aber bin ich deshalb gerecht?

00:13:41: Wieder lautet die Antwort Nein!

00:13:48: Ohne gerecht zu handeln.

00:13:50: Hier zeigt ich die Grenze des Besitzdenkens.

00:13:55: Ein Auto kann ich besitzen, ohne dass es mich innerlich verändert.

00:14:01: Wissen dagegen erfüllt sein tieferen Sinn erst dann wenn etwas damit geschieht Wenn Ich Zusammenhänge erkenne Wenn ich meine bisherigen Vorstellungen überprüfe Wenn ich mein Verhalten hinterfrage und bin ich aufgrund einer Erkenntnis anders handeln, wenn Wissen zum Status wird.

00:14:27: Warum ist die Vorstellung von Wissen als Besitz trotzdem so attraktiv?

00:14:34: Weil Wissen gesellschaftlichen Wert besitzt.

00:14:38: Wer etwas weiß kann Anerkennung bekommen.

00:14:42: Abfrüße können berufliche Möglichkeiten eröffnen.

00:14:47: Titel können ansehen verleihen.

00:14:50: Daran ist zunächst nichts Verwerbliches.

00:14:54: Problematisch wird es, wenn Wissen nicht mit ihnen verstehen dient sondern hauptsächlich der eigenen Stellung.

00:15:04: dann kann aus ich möchte etwas verstehen unmerklich werden.

00:15:09: Ich möchte zeigen dass sich mehr weiß als du und damit verändert sie auch das Gespräch.

00:15:17: Wir hören den anderen nicht mehr zu um etwas zu erfahren.

00:15:22: Wir warten darauf, selbst sprechen zu können.

00:15:26: Wir stellen keine Fragen mehr weil wir glauben die Antwort bereit zu besitzen.

00:15:32: Vielleicht liegt darin sogar eine besondere Gefahr des Wissens.

00:15:38: Je mehr wir wissen desto leichter können wir vergessen wie viel wir nicht wissen.

00:15:45: Ein wirklich wissender Mensch müsste deshalb eigentlich nicht immer sicherer sondern in mancher Hinsicht auch bescheidener werden, denn mit jeder beantworteten Fragen entstehen neue Fragen.

00:16:00: Vielleicht hilft uns deshalb eine andere Sprache.

00:16:05: statt nur zu fragen wie viel weiß dieser Mensch könnten wir fragen was macht sein Wiss mit ihm?

00:16:16: Macht es ihn neugieriger oder selbstsicherer gegenüber anderen?

00:16:23: Lässt es ihn genauer hinschauen?

00:16:26: oder glaubt er, nicht mehr hinschaun zu müssen?

00:16:30: Hilft es ihm Zusammenhänge zu erkennen?

00:16:35: Kann er sein Wissen korrigieren wenn neue Erkenntnisse auftauchen und vor allem findet sein Wisseneinweg in sein Leben.

00:16:48: Damit kommen wir zur Erich Froms Unterscheidung von Haben und Sein wieder näher.

00:16:56: Die Haltung des Habens sagt, ich habe Wissen.

00:17:01: Die Haltung des Seins könnte er sagen Ich lerne, ich erkenne – ich verändere mich.

00:17:10: Vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied.

00:17:15: Wissen ist dann kein Gegenstand, den ich irgendwann vollständig besitze.

00:17:22: Es is ein Prozess.

00:17:24: Kehren wir noch einmal zu unseren drei Menschen zurück, zum Professor, zum Handwerker und zum Kind.

00:17:32: Wir sollten kein von Ihnen zum Sieger erklären!

00:17:37: Der Professor erinnert uns daran, welchen Wert systematisches Wissen besitzt.

00:17:54: Und das Kind erinnert uns daran, dass eine menschliche Eigenschaft manchmal sichtbar wird lange bevor ein Mensch sie theoretisch erklären kann.

00:18:06: Vielleicht brauchen wir alle drei Dimensionen wissen, dass unseren Verstand erweitert Erfahrung die unser Urteil reifen lässt und menschlichen Eigenschaften die bestimmen wie wir unser Wissen einsetzen.

00:18:27: Und genau an diesem letzten Punkt öffnet sich bereits eine Tür, durch die wir später noch gehen werden.

00:18:35: Denn Wissen über Mitgefühl macht uns noch nicht mit fühlend.

00:18:41: Wissen over Gerechtigkeit macht uns auch noch nicht gerecht.

00:18:46: Wissen über Wahrhaftigkeit macht es noch nicht wahrhaftig – zwischen Wissen und Sein!

00:18:54: liegt noch etwas, das handeln.

00:18:58: In der ersten Folge haben wir Wissen mit einem Samenkorn verglichen.

00:19:05: Wir können Samenkörner sammeln – wir können sie besitzen Aber ein Lager voller Samen ist noch kein Garten.

00:19:16: Und jetzt können wir diesen Gedanken weiterführen.

00:19:20: Vielleicht wissen es tatsächlich ein wenig wie ein Samenkohn.

00:19:26: Aber das Entscheidende ist nicht, wie viele Samen wir besitzen.

00:19:32: Entscheidend ist was davon bringen wir zum Wachsen?

00:19:38: Eine Urkunde kann zeigen, was wir gelernt haben Ein Titel kann eine Qualifikation bezeichnen ein Zeugnis kann eine Leistung dokumentieren aber keines davon kann vollständig beantworten Was es aus diesem wissen in diesen Menschen geworden.

00:20:01: Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen, was hat dieser Mensch?

00:20:05: und häufiger?

00:20:07: Was ist aus diesem Menschen geworden?

00:20:10: Erich Franz Frage haben oder sein bekommt damit für Bildung eine ganz besondere Bedeutung.

00:20:19: Denn wissen das wir nur besitzen wollen kann den Büchern, Zeugnüssen und Köpfen bleiben!

00:20:27: Wissen, dass Teil unseres Lebens wert kann etwas verändern und selbst unser Handeln und viel leicht sogar unsere Beziehung zu anderen Menschen.

00:20:42: Damit stehen wir vor einer der nächsten Fragen.

00:20:46: Wann wird aus Wissen eigentlich Erkenntnis?

00:20:50: Und noch wichtiger – wann wird Auserkenntnis handeln?

00:20:56: Denn wir alle kennen wahrscheinlich Situationen in denen wir genau wissen, was richtig wäre und trotzdem anders handeln.

00:21:07: Genau dort beginnt der nächste Schritt auf unserem Weg vom Wissen zur Weisheit.

00:21:14: Vielleicht sind Sie auch bei der dritten Folge wieder dabei – die heißt «Wissend sein, wenn Wissen zum Leben wird».

00:21:23: Ich würde mich freuen, wenn Sie wieder dabei sind!

00:21:26: Bis zum nächsten Mal!

00:21:27: Ihr Hans-Jahre im Töpner.

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