Vom Wissen zur Weisheit

Shownotes

Kinder sind neugierig
Lernen beginnt mit Nachahmung
Eltern sind die ersten Lehrer
Auswendiglernen oder Begreifen
Bulimie-Lernen -Wissen für die Prüfung
Gute Noten bedeuten nicht automatisch Verständnis
Vom Wissen zum Verstehen
Geht Schule auch anders?
Wie können wir die natürliche Neugier eines Kindes erhalten?
Wissen ist wie ein Samenkorn

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Podcast-Reihe: Vom Wissen zur Weisheit

Folge 1: Vom Wissen zur Weisheit

Wissen erwerben – Warum Lernen noch kein Verstehen ist

1. Einstieg – Wann beginnt Lernen?

Wann beginnt eigentlich Bildung?

Mit dem ersten Schultag?

Mit dem ersten Buch?

Mit dem ersten Menschen, der uns etwas erklärt?

Nein.

Lernen beginnt viel früher.

Es beginnt in dem Augenblick, in dem ein Kind seine Umwelt wahrnimmt und versucht, mit ihr in Beziehung zu treten.

Bevor wir also über Schule, Wissen, Prüfungen und Noten sprechen, sollten wir dorthin zurückgehen, wo Lernen seinen Anfang nimmt:

zum neugierigen Kind.

2. Kinder sind neugierig

Beobachten wir ein kleines Kind.

Es schaut.

Es hört.

Es greift.

Es schmeckt.

Es wirft einen Gegenstand auf den Boden und wartet darauf, was geschieht.

Wir heben ihn auf.

Das Kind wirft ihn wieder hinunter.

Wir heben ihn wieder auf.

Und irgendwann fragen wir uns vielleicht etwas genervt:

Warum macht es das immer wieder?

Weil es lernt.

Es untersucht seine Welt.

Was geschieht, wenn ich loslasse?

Fällt der Gegenstand immer herunter?

Macht er ein Geräusch?

Und was macht der Erwachsene, wenn ich ihn fallen lasse?

Das Kind führt, ohne es zu wissen, kleine Experimente durch.

Neugier ist deshalb keine lästige Begleiterscheinung der Kindheit.

Sie ist einer der wichtigsten Motoren menschlichen Lernens.

Das Kind möchte wissen:

Was ist das?

Warum ist das so?

Was passiert, wenn ich das mache?

Später kommt ein Wort hinzu, das Eltern manchmal an ihre Grenzen bringt:

Warum?

Warum ist der Himmel blau?

Warum muss ich schlafen?

Warum fährt das Auto?

Warum darf ich das nicht?

Warum regnet es?

Und kaum haben wir geantwortet, folgt das nächste:

Warum?

Vielleicht sollten wir über diese Phase ganz anders denken.

Das Kind belästigt uns nicht mit Fragen.

Es baut sich ein Bild von der Welt.

Und vielleicht liegt genau darin etwas, das für unsere gesamte Betrachtung von Bildung wichtig wird:

Dieses Kind fragt noch nicht:

„Muss ich das lernen?“

Es fragt auch nicht:

„Kommt das später in der Prüfung dran?“

Es möchte wissen, weil es verstehen möchte.

3. Lernen beginnt mit Nachahmung

Jetzt folgt der zweite große Lernweg des Kindes.

Es beobachtet Menschen und ahmt sie nach.

Hier kommen die anschaulichen Beispiele hinein:

Sprache, Essen mit dem Löffel, Bewegungen, alltägliche Handlungen und der Umgang mit anderen Menschen.

Der zentrale Gedanke:

Bevor wir Kinder bewusst unterrichten, haben sie bereits unglaublich viel gelernt.

Und vieles davon nicht durch Belehrung, sondern durch Beobachtung, Nachahmung, Wiederholung und eigene Erfahrung.

4. Eltern sind die ersten Lehrer

Hier kommen Eltern, Erzieher und Geschwister ins Spiel.

Kinder übernehmen nicht nur Wörter und Handlungen.

Sie beobachten auch:

Wie gehen Erwachsene miteinander um?

Wie sprechen sie über andere Menschen?

Wie reagieren sie auf Fehler?

Wie lösen sie Konflikte?

Wie gehen sie mit jemandem um, der anderer Meinung ist?

Hier entsteht die Verbindung zu unserer vorausgegangenen Reihe „Lehren oder belehren?“

Ein wichtiger Satz könnte lauten:

Wir beginnen mit der Erziehung eines Kindes nicht erst dann, wenn wir ihm etwas erklären. Wir erziehen bereits durch die Art, wie wir selbst leben.

5. Dann kommt die Schule – Wissen wird organisiert

Nun erfolgt der entscheidende Übergang.

Schule ermöglicht etwas Großartiges:

Das Wissen vieler Generationen wird für die nächste Generation zugänglich.

Lesen, Schreiben, Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte, Kunst und vieles mehr.

Doch dafür muss Lernen organisiert werden.

Es entstehen Lehrpläne, Fächer, Unterrichtsstunden, Prüfungen und Noten.

Und jetzt stellen wir die entscheidende Frage:

Was geschieht mit der ursprünglichen Neugier des Kindes?

Aus:

„Warum ist das so?“

kann irgendwann werden:

„Muss ich das lernen?“

Und schließlich:

„Kommt das in der Klassenarbeit dran?“

6. Auswendiglernen oder Begreifen?

Jetzt unterscheiden wir zwischen:

Wissen wiedergeben

und

etwas verstanden haben.

Hier kommen die Beispiele aus Mathematik, Geschichte oder Demokratie hinein.

Wichtig bleibt die Differenzierung:

Auswendiglernen ist nicht grundsätzlich falsch. Wir brauchen Fakten und Gedächtnis.

Aber:

Wissen wiedergeben zu können bedeutet noch nicht, Zusammenhänge verstanden zu haben.

7. Bulimie-Lernen – die provokante Zuspitzung

Erst an dieser Stelle führen wir den Begriff „Bulimie-Lernen“ ein.

Lernen.

Speichern.

Prüfung.

Wiedergeben.

Vergessen.

Nächstes Thema.

Und dann die provokante Frage:

Haben wir uns vielleicht an eine Form des Lernens gewöhnt, bei der nicht mehr entscheidend ist, was im Menschen bleibt, sondern was er zu einem bestimmten Prüfungstermin wiedergeben kann?

Hier darf die Folge durchaus unbequem werden.

8. Gute Noten bedeuten nicht automatisch Verständnis

Eine gute Note kann Leistung, Fleiß, Gedächtnis und natürlich auch Verständnis zeigen.

Aber:

Eine gute Note ist noch kein Beweis für Erkenntnis.

Deshalb die drei Fragen:

Nicht nur:

„Welche Note hast du?“

Sondern:

„Was hast du verstanden?“

Und vielleicht sogar:

„Welche neue Frage ist daraus entstanden?“

Denn wirkliche Bildung sollte nicht dazu führen, dass ein Mensch keine Fragen mehr hat.

Sie sollte ihn befähigen, bessere Fragen zu stellen.

9. Es geht auch anders – aber dazu später

Jetzt nur ein kurzer Ausblick.

In skandinavischen Schulsystemen und auch an einigen besonderen Schulen in Deutschland werden bereits andere Formen des Lernens erprobt und praktiziert.

Projektorientierung, selbstständiges Denken, Zusammenarbeit, praktische Anwendung und kreatives Problemlösen spielen dort teilweise eine stärkere Rolle.

Aber diese Schulen betrachten wir später ausführlich.

Hier genügt die Frage:

Was geschieht, wenn Schule versucht, die ursprüngliche Neugier des Kindes nicht zu ersetzen, sondern zu erhalten?

Damit machen wir neugierig auf eine spätere Folge.

10. Das Samenkorn – Schluss und Übergang

Am Ende kehren wir noch einmal zum Kind zurück.

Das kleine Kind wollte entdecken.

Es wollte ausprobieren.

Es wollte verstehen.

Dann begann es, immer mehr Wissen zu erwerben.

Doch Wissen erwerben ist erst der Anfang.

Denn Wissen ist wie ein Samenkorn.

Wir können Samenkörner sammeln.

Wir können sie zählen.

Wir können sie sortieren und beschriften.

Wir können sogar sehr viele davon besitzen.

Doch ein Schrank voller Samenkörner ist noch kein Garten.

Wissen ist wie ein Samenkorn.

Ob daraus eine Pflanze wird, entscheidet sich später.

Und genau hier beginnt unsere nächste Frage:

Was geschieht, wenn wir anfangen zu sagen:

„Ich habe Wissen.“

Kann Wissen überhaupt Besitz sein?

Oder liegt darin vielleicht schon ein Missverständnis?

Damit kommen wir zu Erich Fromm und zu unserer nächsten Folge:

Folge 2: Wissen haben – die Illusion des Besitzes

Vielleicht besteht wirkliche Bildung nicht darin, möglichst viel Wissen zu haben.

Vielleicht beginnt sie dort, wo Wissen unser Denken, unser Handeln – und schließlich unser Sein verändert.

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